nach voranmeldung: löhrgasse 19/2+3 a-1150 wien austria +43-676-6800466 karl@kirchmeyr.net
- Es existiert keine einzige in allen Teilen unbestritten originale Gambe mit einer originalen Fichtendecke aus dem 16. Jahrhundert, die ‘1:1’ als Grundlage für eine getreue Kopie dienen könnte.
- Die Wissenschaft geht davon aus, dass der Stimmstock erst in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. aufgekommen ist. Die Anwendung des vertikalen Bassbalkens (parallel zur Holzmaserung) ist eng mit der Anwendung des Stimmstocks verbunden.
Die frühesten Belege für einen Stimmstock finden sich bei zwei Streichinstrumenten aus dem Freiberger Dom – gefertigt vor 1594 –, die in weitgehend originalem Zustand erhalten sind. In diesen Fällen befindet sich der Stimmstock jedoch unter der Mittelfuge der Decke, und es ist kein Bassbalken vorhanden. Erst 1636 erwähnte Mersenne in seiner "Harmonie universelle" eine "âme" (Stimmstock), die unter dem Diskantfuß des Stegs positioniert ist.
- Um 1500 genossen Lauten / Vihuelas mit ihrer flachen Deckenkonstruktion in der aristokratischen Gesellschaft hohes Ansehen und wurden sehr geschätzt. Sie waren Statussymbole und ihre traditionelle statische Konstruktion war mit Querbalken (quer zur Holzmaserung) an der Unterseite der Decke.
- Historische Abbildungen früher Gamben zeigen deutlich flache Decken. Vergleichbar mit denen bei Lauten oder Vihuelas. Erst bei späteren Abbildungen treten die geschnitzten, gewölbten Decken auf.
Eine der ältesten Abbildungen einer Gambe (um 1475-85) aus Valencia mit geradem Stegfuß an der Decke.

All diese Tatsachen zusammen bildeten die Grundlage für meinen Entwurf einer Renaissance-Viola da Gamba um 1500 mit quer zur Holzmaserung verlaufenden Balken an der Decke ohne Stimmstock.
Die Besaitung war natürlich vollkommen in Darm!
Die Ursprünge der Viola da Gamba liegen im kulturell vielfältigen Spanien des 15. Jahrhunderts – genauer gesagt im Königreich Aragonien. Ihre Spielhaltung und Technik gehen auf die "Rabab" zurück, ein maurisches Streichinstrument das auch heute noch in Nordafrika gespielt wird. Ihre Korpusform, Besaitung und Bünde stammen hingegen von der "Vihuela de mano" ab, ein historisches Zupfinstrument mit flacher Decke und flachem Boden das im 15. und 16. Jahrhundert in Spanien und Teilen Italiens eine bedeutende Rolle spielte.
Zwischen 1470 und 1500 tauchte das neue Instrumente - die Viola da Gamba häufig auf Gemälden in der aragonesischen Region Valencia auf.
Dank ihres „herrlich süßen“ Klangs verbreitete sich die Gambe um das Jahr 1500 von Valencia aus in ganz Europa.
Die älteste bekannte Darstellung stammt aus der Zeit um 1470. Man kann daher davon ausgehen, dass Gamben bereits etwas davor (ab 1450) existierten. Das bedeutet, dass Gamben während ihrer rund 300-jährigen Nutzungsdauer etwa 100 Jahre lang ohne Stimmstock gebaut wurden.
Bei einem Streichinstrument erzeugt eine Deckenkonstruktion ohne Stimmstock einen deutlich anderen Klang als eine mit Stimmstock.
Die Bassgambe in Renaissance und Frühbarock war als Fundament im Ensemble (Consort) oder zur Begleitung geschätzt. In der Sololiteratur dominierte jedoch das polyphone Spiel in der Tenor- und Mittel-Lage. Der tiefe Bassbereich erlangte in der Solo-Musik für die Viola da Gamba erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts - im Barock eine tragende Rolle.
Der „süße“ Klang, der aus der Konstruktion mit Querbebalkung resultiert, harmoniert perfekt mit Renaissance-Lauten, Vihuelas und anderen Instrumenten jener Epoche. Im Gegensatz zu Barockgamben, die aufgrund ihrer Bauweise mit geschnitzter, gewölbter Decke sowie vertikalem Bassbalken und Stimmstock einen Klang erzeugen, der beim Zusammenspiel mit Renaissanceinstrumenten zu voluminös und bassbetont ist.
Durch die statische Konstruktion mit Querbalken ist die akustische Leistung zu den tiefen Frequenzen jedoch unbefriedigend.
Bei Streichinstrumenten mit Querbalken sehe ich keine konstruktive Lösung, die die angestrebte klangliche Neuausrichtung hin zu einem funktionalen, erweiterten Bassregister und einem voluminöseren Klang ermöglicht hätte. Folglich musste eine neue Bauweise entwickelt werden. Der genaue, nicht lineare durchgeführte Wandlungsprozess weg von der Decke mit Querbalken ist uns nicht bekannt. Ich betrachte die Viola da gamba ohne Stimmstock mit gewölbter-geschnitzter Decke mit relativ großer Dicke, gebaut nach den Vorgaben in Silvestro Ganassis „Regola Rubertina“ (Venedig, 1542-43) im Rahmen des Forschungsprojekts der Schola Cantorum Basiliensis (2011-13) als einen Zwischenschritt. Dem Bericht zufolge wurde das Problem bei den niedrigen Frequenzen mit dieser Konstruktion noch nicht gelöst. Diese Entwicklung führte schließlich zu der uns heute vertrauten, konstruktiv vorteilhaften Bauweise: mit geschnitzter, gewölbter Decke (Boden) in geringer Stärke (aus einem dicken geleimten Fichten Holzblock gearbeitet), einem vertikalen, parallel zur Maserung verlaufenden Bassbalken (für einen resonanzreicheren Bass) sowie einem beweglichen Stimmstock, der zur Gewährleistung der Stabilität im Diskantbereich unter dem Steg positioniert ist. Zusätzlich ermöglichte der Stimmstock eine Koppelung von Decke und Boden. Der große Vorteil dieser Konstruktion mit beweglichen Stimmstock liegt in der Möglichkeit der nachträglichen Klangkorrektur. Die Konstruktion der Streichinstrumente, der Familie der Violinen, wie wir sie heute kennen war geboren.
Meiner Meinung nach ist es kein Zufall, dass die gewölbte - geschnitzte Decke von Streichinstrumenten in Kombination mit dem Stimmstock und dem Bassbalken genau in jenem Zeitraum entstand, als auch die Bassregister der Laute nach und nach erweitert wurden: von sechs Chören im Jahr 1574 auf sieben, dann auf acht oder neun um 1600, auf zehn ab 1611 und schließlich auf bis zu dreizehn, einschließlich der Erfindung der Generalbasslaute um 1600.
Im Anschluss an diesen Entwicklungsprozess kam es um 1600 zu einem musikalischen Paradigmenwechsel: dem Übergang vom Renaissance-Stil der Polyphonie – gekennzeichnet durch gleichberechtigte Stimmen – hin zum Generalbass in Kombination mit einer prominenten Oberstimme, einem Charakteristikum der Barockzeit. Erst die vorhergehende, schrittweise Weiterentwicklung im Bau von Streichinstrumenten (insbesondere die Konstruktion des Stimmstocks und des Bassbalkens), um eine tieferes Timbre und ein funktionales Bassregister zu erreichen, ermöglichte den zufriedenstellenden Einsatz der Viola da gamba im Generalbass und in der Solomusik der Barockzeit.
Bei der Transformation von der Renaissance- zur Barockgambe wurde der flache Boden mit seinen Querbalken beibehalten. Nur die Decke wurde im Sinne der neuen Konstruktion verändert.
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, bei Betrachtung von Entwicklungsprozessen an Saiteninstrumenten darf man die technologischen Fortschritte im Bereich der Darmsaitenerzeugung (sofern bekannt) als Einflussgröße nicht außer Acht lassen.
Als Vorlage diente die historische Abbildung:
Die Krönung der Jungfrau, Ferrara, Italien, Fresko ca. 1510-15, Teilausschnitt vom Engelskonzert Klosterkirche: Chiesa Santa Maria della Consolazione
Vermutlich von Michele Coltellini oder Baldassara Cassari
